«Meine künstlerische Praxis ist ein Bündeln und Sortieren. Es ist immer ein Suchen – ich glaube, ich habe mehr Fragen als Antworten. Ich fange in den Schichten zu graben an und beobachte die Metamorphosen. Die Zustände des Handelns und Denkens vermischen sich mit unterschiedlichen Aggregatzuständen der Materialien. In diesen Prozessen entwickeln sich Skulptur, Installation und Malerei in eine zunehmend körperliche Erfahrung.»
Die Arbeiten von Sonja Lippuner entwickeln sich aus dem Material in den Raum. Materialien und ihre haptischen Eigenschaften sind Aspekte ihrer Sprache, in der sie denkt und handelt. Sie stellt sich gesellschaftspolitischen Fragen aus einer bildhauerischen Perspektive mit Mitteln der Malerei.
Ihre Installationen aus übereinander gelagerten Farbschichten, Strichen und Formen lassen sich auf einen spezifischen Ort ein und eignen sich den dort verfügbaren Raum an. Es sind abstrakte, überdimensionale Kompositionen in einer starken Farbigkeit mit Materialien wie Acryl, Filzstift, Grafit, Spray oder Wachskreide auf industriellem Maschenstoff, Makulaturtapete oder Trägermaterialien aus der Architektur wie zum Beispiel Glasscheiben.
In der Auseinandersetzung mit diesen Materialien verhandelt Sonja Lippuner gesellschaftliche Fragen, Kräfteverhältnisse und Beziehungsformen nonverbal: Wer nimmt wie viel Platz ein? Welche Stimme hat Wert? Welcher Raum ist noch nicht besetzt? Wo kann ich eingreifen? Und warum schneiden wir uns so viele Räume ab?
Im Schaffen von Sonja Lippuner entsteht eine äusserst körperliche Geste – unabhängig davon, ob sie malt, näht, collagiert oder baut: Die Bewegung ist immer sichtbar. Die Massstäblichkeit ihrer Arbeiten orientiert sich an der eigenen Wahrnehmung und ermöglicht so eine direkte Auseinandersetzung
mit dem Raum, dem Material und der eigenen Verortung.
Sonja Lippuners Zeichnungen und installative Malereien bedingen sich gegenseitig, brauchen die Bezüge untereinander und erzeugen so eine Mehrstimmigkeit. Das Übereinanderschichten von Materialien führt oft zu Knoten oder Klumpen, die Bezugspunkte schaffen, in denen sich Informationen ballen und wieder verschieben.
Ihre Arbeiten bewegen sich in provisorischen, fragmentarischen und vergänglichen Zuständen. Sie greifen ineinander und lösen sich wieder, werden rausgerissen oder weggewaschen. Einzelne Sedimente fügen sich im Rahmen einer anderen Arbeit neu zusammen, wachsen weiter, verändern sich.
So gelingt es ihr, das handwerkliche Regelwerk aufzulösen, was einen Kontrollverlust über das Material zur Folge haben kann. Dabei ist es ihr wichtig, sich dem Prozess hinzugeben.
Die dadurch entstandenen Möglichkeitsräume machen die Suche als Erzählform verständlich. Sonja Lippuner eignet sich das Material immer wieder neu an, wiederholt eine Geste so lange, bis sie eine Sprache findet, in der die Installation weiterwachsen kann.
Sonja Lippuner, *1987
geboren und aufgewachsen im Kanton Thurgau, lebt und arbeitet in Basel, ist Mutter von zwei Kindern.
Sonja Lippuner ist gelernte Steinbildhauerin und hat am Institut Kunst der HGK in Basel 2019 den Master of Fine Arts absolviert. Ihre installativen Arbeiten entstehen aus einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Material und seiner räumlichen Einbettung. In Lehr- und Vermittlungsprojekten engagiert sie sich für eine sichtbare Vielstimmigkeit in unterschiedlichen sozialen Strukturen.
Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunsthaus Baselland, in der Kunsthalle Arbon, im Kunstmuseum Thurgau, in der Alten Fabrik Rapperswil sowie in verschiedenen nationalen und internationalen Ausstellungs- und Austauschprojekten gezeigt.
Nebst eines Förderbeitrags des Kanton Thurgau (2021), wurde sie mit unterschiedlichen Recherchestipendien der Kulturstiftung Thurgau unterstützt und ist mit ihren Arbeiten in der kantonalen Kunstsammlung Thurgau vertreten.
Sonja Lippuner unterrichtet am Foyer Bildung und Beruf, ist mit MUS-E Schweiz an Basler Primarschulen unterwegs sowie in verschieden Workshops am K-Werk Basel.
Sie ist Mitglied im Vorstand des Ausstellungsraums Klingental in Basel.
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